Martin - Eine wahre Geschichte

An dem Tag, an dem mich die anderen fragten, ob ich mit ihnen eine Band gründen wolle, muss ich total besoffen gewesen sein.

Nun, der Tag hatte schon total verrückt begonnen, und so hätte ich gewarnt sein müssen, war's aber nicht und rannte schielenden Auges in mein Entsetzen, obwohl mein Muttermal juckte. Ich saß friedlich in meiner Stammkneipe, wo ich kurz vorher erwacht war und nun versuchte die letzte Nacht wenigstens bruchstückweise zu rekonstruieren, als dieser Kerl hereinstolperte. Zuerst fiel mir seine Nase auf, denn er trug sie ein gutes Stück voraus. Ein mächtiger Kolben, der mich vage an etwas erinnerte, auf das ich nicht gleich kam.

Ich glaube, wir waren aufgetreten. Ja, genau, im kleinen Kreis, vor ausgesuchtem Publikum. Endlich mal keine große Bühne, sondern ein intimer Rahmen, wo die erfolgreiche Band, deren Frontman ich damals war, mal so richtig die Sau rauslassen konnte. Und das hatten wir wohl auch getan.

Der Fremde setzte sich unaufgefordert an meinen Tisch und starrte mich finster an, was ich aber wohl zunächst nicht bemerkte. Ich war zu sehr mit der Analyse meines Mageninhalts beschäftigt, wobei ich unbedingt vermeiden wollte, das Ergebnis meiner Anstrengungen durch Augenschein zu überprüfen. Schließlich hob ich den Kopf und war mir sicher zu behalten was ich Stunden vorher bestellt hatte. Saß mir dieser Kerl gegenüber und stierte mich an. Diese Nase!

Als die Kellnerin vorbei kam bestellte er, ohne den Blick von mir zu wenden: „Whiskey für meinen Freund und mich.“ Dabei stahl sich ein dünnes Lächeln auf sein Gesicht und auch ich ließ meine Gesichtszüge entgleisen, um nicht unhöflich zu wirken. Der Drink kam, und der nächste, und der Fremde und ich kamen zwangsläufig ins Gespräch. Bevor ich's verhindern konnte, erzählte er mir seine ganze Lebensgeschichte. Traurige, lieblose Kindheit bei Pflegeeltern. Geschlagen. Die Nächte im Kohlenkeller eingesperrt, mit nichts als einer löchrigen Patchworkdecke, die seine Tante, wie er sie nennen musste, aus den alten Socken seines Onkels gemacht hatte.

Ich nahm die Herausforderung an, bestellte und laberte ihn nun meinerseits voll, wie schwer ich es gehabt hatte mit meinem großen Bruder, das Ewige unterlegen sein, der ständige Futterneid, der Hass, die Gewalt ... Der Fremde bestellte und konterte damit, dass er mit 14 abgehauen sei. Vorkriminelle Karriere im Bahnhofsmilljö. Der Kerl zog die ganze Show durch. Ich vertraute ihm an, wie mich mein großer Bruder terrorisierte und zu den abscheulichsten Sachen zwang.

Na ja, ich hab vielleicht ein bisschen geflunkert. In Wirklichkeit hab ich meinen Bruder terrorisiert und zu den abscheulichsten Sachen gezwungen. Er hatte einen riesigen Respekt vor Mutters Teppichklopfer und ich lernte früh diese Angst gepaart mit dem Bonus des jüngeren, zarteren, für meine Zwecke einzusetzen. Der Kerl erschauerte sichtlich unter der Eindringlichkeit meiner Erzählungen. Tja, ich kann eben sehr beeindruckend sein.

Aber ich merkte wie er zu einem letzten Konter anhob und beschloss, ihm den finalen Stoß zu versetzen, denn natürlich hatte ich mir meinen besten Trumpf bis zum Schluss aufgehoben. Ich ließ ihn also gar nicht zu Wort kommen und trumpfte: „Aber das Aller-Aller-Schlimmste, das glaubst du nich. Da muss ich ungefähr vier gewesen sein, da hat mich mein großer Bruder gezwungen, also weißt du, ich hatte mal noch einen Bruder, kann mich aber kaum an den erinnern, war noch'n Säugling. Also, die ganze Familie war mit dem Auto unterwegs, als wir an einem Autobahnparkplatz anhielten. Und dort hat mich mein Bruder gezwungen meinen anderen Bruder in einem Weidenkorb am Ufer eines dort fließenden Baches den reißenden Fluten zu übergeben.“

Ich sah mein Gegenüber durch verschleierte Augen an. Ich wusste, ich hatte ihn. Ich hatte die Geschichte nur leicht modifizieren müssen und war selbst ganz überwältigt von der Rührung, die sie in mir auslöste. „Hab' ihn nie wieder gesehen“, schniefte ich. Untoppbar! Ich trank mein Glas leer. Der Fremde war in sich zusammen gesackt. Vor Rührung. Vor Entsetzen. Er glotzte mich total blöde an. Matt bestellte er die nächste Runde. Seine nächsten Worte trafen mich wie Hammerschläge.

Unsere Mutter hatte mir kurz vorher erklärt, dass der Kleine nicht für lange seinen gierigen Appetit an ihren Brüsten stillen würde, sondern schon bald Anspruch auf die gleiche Nahrung erheben würde, wie die restliche Familie, also auch ich.

Diese Information beunruhigte mich sehr! Nun ja, es war schon schwer, mich gegen meinen großen Bruder und meinen Vater zu behaupten, wenn es um die Verteilung der spärlichen Nahrung ging, aber noch ein hungriges Maul mehr? Das war nach meinem Dafürhalten völlig unmöglich, und an diesem Tag erfasste ich ein grundlegendes Prinzip der natürlichen Auslese völlig instinktiv: Fressen und gefressen werden. Und schlagartig wurden mir die Konsequenzen klar, die sich daraus ergaben, und was zu tun sei. Ich ließ den kleinen Scheißer bei einem Stopp an der Autobahn einfach zurück, denn wahrlich, fressen ist besser! Es fiel auch erst nach anderthalb Stunden auf, denn so lange war die kleine Kröte noch nie ruhig gewesen.

Der Fremde, er hatte sich inzwischen mehrmals vorgestellt, aber ich kann mir seinen Namen bis heute nicht merken, glotzte mich eine Weile dröge an. Dann richtete er seinen ziellosen Blick scheinbar interessiert auf den Pegel seines Glases und dehnte in der typischen Art von Leuten, die zu viel Malt trinken, aber gleichzeitig zu wenig davon vertragen: „Dassa seltsam.“ Er legte eine kleinere Denkpause ein, um den gerade gefundenen Faden nicht zu verlieren, dann hellte sich seine Miene wieder auf. „Bin nämlich als Kind auch anner Autobahnparkplatz-Raststellen-Ding, scheiß, ausgesetzt worden, weissu?“

Das bedeutete gar nichts! Jährlich werden fast mehr Kinder an Autobahnen ausgesetzt, als geboren werden, und das war in den Jahren vor dem Pillenknick nur unwesentlich anders. Jährlich werden es mehr. Die pure Existenzangst, der Überlebenstrieb ist da am wirken, der uns zunehmend zwingt, unsere Brüder und Schwestern einem ungewissen Schicksal zu überlassen, um selbst überleben zu können. Eine Seite, mir völlig fremd im ersten Augenblick, fühlte sich in mir überraschend angerührt. Schuldgefühle! Es überkam mich einfach. Plötzlich hatte ich Mitleid mit dem kleinen Kerl. Aber nur für einen Moment, dann hatte ich mich wieder in der Gewalt. Dschungel.

„Dassa hart“, zwang ich mich zuzugeben. Ich bestellte. Wir tranken. Mein linker Arm juckte. Mechanisch griff ich nach der Stelle, an der sich das herzförmige Mal befand und rieb es durch das schmuddelige Sweatshirt. Der Fremde machte die Bewegung völlig unbewußt, aber synchron und identisch mit. Wir erstarrten in der Bewegung und mein Blick traf sich mit seinem trüben Blick, in dem jähes Verstehen aufflackerte. Obwohl ich ein ungutes Gefühl dabei hatte schob ich meinen Ärmel zurück und wir verglichen die Male. Mein Bruder ... hatte mich wieder gefunden.

Es gab dann ein paar überaus unerfreulich rührende Szenen. Mit umarmen. Ich hasse das! In meinen Unmut mischte sich rasch Besorgnis. Was mir für ein Scheiss passieren musste. Ich wusste ja gar nichts über den Kerl. Nachdem ich ihn vor Jahren elegant entsorgt zu haben glaubte tauchte er nun plötzlich wieder auf. Was, wenn ich für ihn sorgen müsste? Bedauerlicherweise fand ich keine Gelegenheit, diese kritischen Gedanken zu vertiefen, denn mein Bruder bestellte eine Runde nach der anderen, um, wie er sagte, das unverhoffte Wiedersehen gebührend zu begießen. Es wurde ein regelrechter Umtrunk. Später schaffte er mich dann irgendwo anders hin, natürlich wieder in irgendeine Kneipe, die mein Lieblingsgetränk führte.

Dann kamen noch andere Leute dazu und feierten eifrig mit. Mir schwirrte mittlerweile etwas der Kopf. Klar hatten alle mitbekommen, wer da bei ihnen saß, und so drehten sich bald alle Gespräche um Musik, welcher der Anwesenden welches Instrument spielt, wer welche Richtungen bevorzugt, der Unterschied zwischen Achtel und Sechzehntel, und natürlich fehlte auch der Hinweis auf den dreifach gekröpften G-moll hoch sieben Dur-Doppel-Akkord nicht, unweigerlich von einem Gitarristen vorgebracht.

Ich kannte das alles schon, und es ließ mich dementsprechend kalt. Ich bin Frontman, ich muss nichts verstehn von Musik, muss eigentlich nicht mal singen können. Musik ist Sache der Instrumentalisten, die müssen sich damit auskennen. Außerdem ist es lästig, wenn die Leute denken, sie müssten sich in meiner Gegenwart irgendwie besonders produzieren. Darum ließ ich mir ständig nachgießen. Es schien nichts zu kosten, also hoch die Tassen. Mein Bruder machte sich öffentlich zum Narren, indem er sich dazu bekannte, Bass zu spielen. Natürlich - Bass - was sonst? Ich konnte nicht anders und brüllte los vor Lachen. Kaum war ich wieder zu Atem gekommen, erzählte ich ein paar Bassisten-Witze und alle bogen sich.

Noch später - ich verbrachte Tage damit, die Ereignisse zu rekonstruieren - fand ich mich mit ein paar wenigen Leuten - unter ihnen mein Bruder, die Klette - in einem behaglichen Wohnzimmer wieder, unvermeidlich mit einem Glas in der Hand und fühlte mich sicher und unangreifbar. Ein wenig döselig vielleicht. Meine Gedanken drifteten ab. Wirres Zeug umfing mich wie ein Tagtraum. Ich erinnere mich vage an eine ziemlich abgefahrene Geschichte mit den alten Keltengöttern, die mir durch den Kopf ging. Am Ende, bei dem Versuch, mittels eines alten Rituales in die Götterwelt zu gelangen, verlor ich meinen letzten Malt. Die Flasche barst mit einem schauerlichen Geräusch. Der Eingang in die Götterwelt war mir verwehrt. Wie eine Verhöhnung grollte der Donner eines fernen Gewitters.

Das Grollen hielt an und mischte sich mit dem Prasseln von Regen. In der Ferne erklang eine Glocke, schlug, wie zum Totengebet rufend. Black Sabbath von Black Sabbath, klar, eindeutig.

Meine Gedanken kehrten nur widerwillig aus jener Ferne zurück, in die sie beim edlen Geschmack des Malts geflohen waren. Zu meinen Füßen breitete sich ein kleiner See aus Malt aus, gespickt mit kleinen Inseln aus Glas, an denen noch die Reste des Etiketts klebten. „Was haltet ihr davon?“ fragte mein Bruder während seine Füße unruhig und schuldbewusst in der Pfütze und dem Scherbenhaufen scharrten, zu dem die Flasche geworden war, aus der er sich gerade noch hatte nachgießen wollen „Sollten wir?“

Irgendwie erwischte er mich auf dem falschen Fuß. Zwar war ich erst halb betrunken, wie ich unschwer daran erkennen konnte, dass ich ihn nur zweimal sah, doch die andere Hälfte befand sich noch halbwegs im Alten Land und ich hatte keinen Plan, was er von mir wollte. Also nickte ich eifrig, hob mein halbvolles Glas und nuschelte: „Darauf trinken wir.“Mit dieser Methode war ich immer gut gefahren, damit kann man nichts falsch machen. Dachte ich. Irgendwie haben mich die dann dazu gebracht, etwas zu unterschreiben. Und nun häng ich auf Gedeih und Verderb mit den Jungs zusammen und muss ... Aber kommt, seht und hört selbst, wozu sie mich zwingen!

Harry - Bäda - Andi - Sepp