HarryHarry - Die Geschichte eines verkorksten Lebens

Ich erinnere mich noch als ob es gestern gewesen wäre:

Ich war 13, lag in meiner Obstkiste die mir seit meinem ersten Lebensjahr als Bett gedient hatte - und inzwischen natürlich viel zu kurz war - und grübelte darüber nach was ich tun könnte um endlich mein elendes Dasein als Hilfs-Gurkenzähler bei Kühne zu beenden und zu einem echt tollen Typen zu werden, um den sich die schönsten Frauen prügeln und sich gegenseitig die Haare ausreißen. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Ich werde ROCKSTAR! Es gab da nur zwei Probleme:

1. Ich hatte gar kein Instrument.
2. Ich konnte auch nicht drauf spielen.

Erfinderisch wie ich nun einmal war (Merke: Armut macht erfinderisch!) durchkramte ich unseren windschiefen Werkzeugschuppen auf der Suche nach Anregungen, und fand schließlich eine löchrige Kiste mit einer rostigen Kettensäge und einigen Metern Stacheldraht. Sofort war mir klar: Ich bau mir eine E-Gitarre! Wenige Tage und etliche Blutblasen später hielt ich meine allererste selbstgebaute Gitarre in Händen, die Chainsawcaster! Sofort begann ich diesem wirklich gelungenen Instrument die ersten Töne zu entlocken und verbesserte gleichzeitig laufend die Konstruktion. Den Durchbruch schaffte ich, als ich mit völlig zerstochenen Fingern die Stacheln von den Saiten knipste (ihr erinnert euch vielleicht, der Stacheldraht...) denn ohne diese ständigen starken Schmerzen und den ermüdenden Blutverlust machte das Üben sogar noch mehr Spaß. Erst viele Jahre später konnte ich mir dann auch ganz "normale" Gitarren vom Flohmarkt leisten, aber der typische Sound meiner alten Kettensäge gehört noch heute zu meinem unverwechselbaren Markenzeichen.

Aber zurück in die Gegenwart. Nachdem meine Aktivitäten als Kleinkrimineller und insbesondere die regelmäßigen Gefängnisaufenthalte mir jahrelang keine Zeit gelassen hatten mich meiner geliebten Rockmusik zu widmen, besann ich mich erst in gereiftem Alter auf meinen ursprünglichen Plan, und packte meine alte Gitarre wieder aus (nicht die Kettensäge, die hatte ich bei einem Bruch benutzt und auf der Flucht verloren). Ich spielte kurz "Hänschen klein" an, dachte mir "na also, geht doch!" und setzte eine Anzeige ins Internet um Gleichgesinnte zu suchen. Nach etlichen nicht so interessanten Angeboten (du, wir machen echt geile Bierzelt-Mucke, inklusive "Anton aus Tirol" und den ganzen anderen Superhits) erhielt ich eine Nachricht von einem Bassisten aus dem Chiemgau, der zumindest einen akzeptablen Musikgeschmack hatte. Also fuhr ich los um mir den Burschen anzusehen.

Meine Hoffnung, von erfahrenen Rockmusikern etwas lernen zu können, schmolz dahin wie der Eiswürfel in einem warmen Cuba-Libre als der Bäda seinen Bass ansteckte und sofort begann völlig unharmonisch aber dafür sehr laut darauf herumzuzupfen. Wie er mir später gestand hatte er ebenfalls auf die ansteckende Inspiration eines virtuosen Musikers gehofft und war nach unserem ersten Treffen ebenso desillusioniert wie ich. Aber es gab Kaffee und Alkohol, und irgendwann zu vorgerückter Stunde waren wir uns einig dass es zwar Scheiße klingt wenn wir zusammen spielen, aber dass es irgendwie trotzdem Spaß macht. Weil wir beide arbeitslos waren und sowieso nichts besseres vor hatten trafen wir uns dann öfter, und wie das Schlamassel immer größer wurde und irgendwann in einer Band namens SchädlwäH eskalierte weiß ich auch nicht mehr so genau. Jedenfalls bin ich jetzt schon eine Weile dabei und hab keine Ahnung wie ich aus der Nummer wieder rauskommen soll. Wahrscheinlich bleibt mir nur der Freitod....

Bäda - Martin - Andi - Sepp

ChainsawcasterNachtrag: Oh wie gross war die Überraschung und die Freude als die Jungs von der Band mir zum Geburtstg meine längst verloren geglaubte geliebte alte Chainswcaster überreichten! Während ich dicke Krokodilstränen der Rührung weinte erzählten Sie mir wie sie unter Einsatz ihres Lebens in die Asservatenkammer des Bundeskriminalamts eingebrochen waren, ganze Säcke mit beschlagnahmten Drogen und Kisten voller geschmuggeltem Single-Malt-Whiskey und kubanischem Rum links liegen ließen nur um meine alte Säge zu befreien (natürlich wollten sie auch die nächste Weihnachtfeier des BKA nicht gefährden). Das nenn ich wahre Freundschaft - Rock'n'Rollll!!!! Meine Kettensäge liegt nun neben mir im Wasserbett (meine Frau schläft auf der Couch) und ich bin sicher: Wir werden uns nie mehr trennen! Jaja, ich weiß, so spitze Gegenstände sollte man von Wasserbetten fernhalten, aber ich pass schon auf ...... nanu, wo kommt denn auf einmal das ganze Wasser her, und die Goldfische ..... und die KROKODILE ??!!!!!